Entgegen dem, was uns seit der Kindheit immer wieder erzählt wird, besteht Intelligenz nicht darin, sich anpassen zu können - oder wenn das eine Intelligenz ist, dann die der Sklaven. Unsere Unfähigkeit zur Anpassung und unsere Müdigkeit sind keine Probleme, außer aus der Sicht dessen, was uns unterwerfen will. … Wir sind nicht deprimiert, wir streiken. …
Die Ordnung der Arbeit war die Ordnung einer Welt. ... Arbeiten bezieht sich heutzutage weniger auf die wirtschaftliche Notwendigkeit, Waren zu produzieren, als auf die politische Notwendigkeit, Produzenten und Konsumenten zu produzieren, um mit allen Mitteln die Ordnung der Arbeit zu retten. Sich selbst zu produzieren ist dabei, zur vorherrschenden Beschäftigung einer Gesellschaft zu werden, in der die Produktion zwecklos geworden ist. …
Nicht die Wirtschaft ist in der Krise, die Wirtschaft ist die Krise; die Arbeit fehlt nicht, die Arbeit ist zuviel; wohl überlegt deprimiert uns nicht die Krise, sondern das Wachstum.
Der kommende Aufstand | linksunten.indymedia.org - Zur Rezeption dieser Position siehe auch: kritisch-lesen.de

Im neoliberalen Regime existiert eigentlich kein Proletariat, keine Arbeiterklasse, die vom Eigentümer der Produktionsmittel ausgebeutet würde. In der immateriellen Produktion besitzt jeder ohnehin sein Produktionsmittel selbst. Das neoliberale System ist kein Klassensystem im eigentlichen Sinne mehr. Es besteht nicht aus Klassen, die sich zueinander antagonistisch verhielten. Darin besteht gerade die Stabilität dieses Systems.
Die Unterscheidung von Proletariat und Bourgeoisie lässt sich heute nicht mehr aufrechterhalten. Der Proletarier ist wörtlich jemand, der als einzigen Besitz nur seine Kinder hat. Seine Selbstproduktion ist auf die biologische Reproduktion beschränkt. Heute wird dagegen die Illusion verbreitet, jeder sei als ein sich frei entwerfendes Projekt zu einer grenzenlosen Selbstproduktion fähig. Strukturell unmöglich ist heute die »Diktatur des Proletariats«. Heute sind alle von einer Diktatur des Kapitals beherrscht.
Das neoliberale Regime verwandelt die Fremdausbeutung in die Selbstausbeutung, von der alle ›Klassen‹ betroffen sind. Diese klassenlose Selbstausbeutung ist Marx gänzlich fremd. Sie macht gerade die soziale Revolution unmöglich, die auf der Unterscheidung zwischen Ausbeutenden und Ausgebeuteten beruht. Und aufgrund der Vereinzelung des sich selbst ausbeutenden Leistungssubjekts formiert sich kein politisches Wir, das zu einem gemeinsamen Handeln fähig wäre.
Wer in der neoliberalen Leistungsgesellschaft scheitert, macht sich selbst dafür verantwortlich und schämt sich, statt die Gesellschaft oder das System in Frage zu stellen. Darin besteht die besondere Intelligenz des neoliberalen Regimes. Sie lässt keinen Widerstand gegen das System aufkommen. Im Regime der Fremdausbeutung ist es dagegen möglich, dass die Ausgebeuteten sich solidarisieren und sich gemeinsam gegen die Ausbeuter erheben. Auf dieser Logik beruht ja Marx' Idee der »Diktatur des Proletariats«. Sie setzt aber repressive Herrschaftsverhältnisse voraus. Im neoliberalen Regime der Selbstausbeutung richtet man die Aggression vielmehr gegen sich selbst. Diese Autoaggressivität macht den Ausgebeuteten nicht zum Revolutionär, sondern zum Depressiven.
Heute arbeiten wir nicht mehr für unsere eigenen Bedürfnisse, sondern für das Kapital. Das Kapital erzeugt eigene Bedürfnisse, die wir fälschlicherweise als unsere eigenen Bedürfnisse wahrnehmen.
Byung-Chul Han, Psychopolitik - Neoliberalismus und die neuen Machttechniken

Der Grundwiderspruch heute lautet, dass die Rationalisierung der Arbeitsplätze aufgrund immer effizienterer Abläufe und besserer Konstruktionen der Maschinen nicht den Arbeitenden zugute kommt – indem sie wenig bis gar nicht mehr arbeiten müssten, also freie Zeit zurückgewinnen und gleichzeitig die Früchte jener Errungenschaften in Form sozialer Absicherung genießen könnten. Dinge, die schon heute möglich sind, wenn das ideologische Dogma der Vollbeschäftigung endlich ad acta gelegt wird und der immense Reichtum sowie die Produktionsmittel gerecht verteilt werden. Solange beides nicht politisch und gesetzlich geregelt wird, gibt es keinen vernünftigen Grund arbeiten zu gehen.
In einer Gesellschaft, in welcher alle Tätigkeiten danach entlohnt oder eben nicht entlohnt werden, ob sie einen finanziellen Mehrwert erschaffen, und nicht danach, ob sie einen »Mehrwert« für menschliche Bedürfnisse oder Belange des guten Zusammenlebens schaffen, geht es lediglich darum zu funktionieren. Alles wird danach ausgerichtet und durchzieht in der Konsequenz auch die private Sphäre. Erziehung, Familie, Liebesbeziehungen werden dahingehend zugerichtet, dass sie in der Außenwirkung gut dastehen, nach außen hin funktionieren – und sich »lohnen«.
Das Innere, also die Bedürfnisse, geheimen Wünsche, das eigene Glücksempfinden, das libidinöse Verlangen, bleibt dabei nicht nur auf der Strecke – es gerät immer weiter in Vergessenheit und wird gar nicht mehr als Wert oder Triebfeder einer zivilisierten Menschlichkeit gedacht. Es geht nicht mehr um das ständige und widersprüchliche Austarieren der angetroffenen Wirklichkeit mit den inneren Bedürfnissen, um so wenigstens die Möglichkeit eines Kompromisses zwischen eigenen Wünschen und äußeren Notwendigkeiten zu finden, immer unter der Prämisse des möglichst bequemen Lustauslebens – denn wenn es nicht darum geht, wofür dann das alles –, sondern nur noch darum, sich nach den Maßgaben einer angeblich alternativlosen und äußeren Zwängen unterworfenen Welt zu arrangieren. Hocheffizient und flexibel in ihr aufzugehen, ohne einmal »Ich« sagen und wirklich meinen zu dürfen – denn dann würde jenes System angeblich zusammenbrechen und wir alle dabei draufgehen.
Martin Nevoigt, Besinnt euch! in: Haus Bartleby, Sag alles ab! Edition Nautilus Verlag

Die entfremdete Weltanschauung (den Ausländern die Schuld geben) verdrängt den politischen Begriff (gegen die Herrschaft ankämpfen).
Didier Eribon, Rückkehr nach Reims

Gewalt ist kein zu diskutierendes Symbol, sondern eine zu vermeidende Realität.
Stephen Eric Bronner, Todesfälle, Straßenkämpfe, Lettre International 129

A. Bejahst du die Gewalt: Ja oder Nein?
B. Es gibt eine Recht-erhaltende Gewalt, ohne die auch der Rechtsstaat nicht auskommt, und es gibt eine Recht-schaffende Gewalt; die letztere antwortet auf die erstere, aber die erstere ist immer hervorgegangen aus der letzteren.
A. Bejahst du die Pistole im Cockpit?
B. Es steht mir nicht zu, die Pistole im Cockpit zu verurteilen, weil ich ohne sie auskomme. Was ich zum Leben brauche, habe ich ohne Gewalt, das heißt, ich habe es durch die Recht-erhaltende Gewalt. Andere sind in einer anderen Lage; meine Recht-Gläubigkeit ernährt sie nicht, kleidet sie nicht, behaust sie nicht, versetzt sie nicht in den Luxus, auszukommen ohne Gewalt.
A. Willst du also sagen, daß die Anwendung von Gewalt gerechtfertigt ist, wenn es ohne Gewalt nicht geht?
B. Es kommt darauf an, was ohne Gewalt nicht geht . . . Ich befinde mich nicht in der Lage, die eine Anwendung von Gewalt rechtfertigt.
A. Es geht aber nicht um dich.
B. Eben.
A. Du hast gestanden, daß Akte der Gewalt dich entsetzen. Du bist aber noch immer nicht bereit, die Anwendung von Gewalt grundsätzlich zu verurteilen –
B. Es steht mir nicht zu
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Max Frisch, aus: Verhör III, Tagebuch 1966 – 1971