Die Verachtung des Unglücks ist in den Gesellschaften verankert, in der Art wie Menschen zusammenleben. Gewiss, es gibt eine Achtung des Unglücks, eine gelegentlich auch voyeuristische Aufmerksamkeit dafür. Aber intuitiv, also ohne Beweise, habe ich das Gefühl, dass die Verachtung eher darin wirkt, eher daran beteiligt ist, wie alles funktioniert. Die Sehnsucht nach Solidarität bleibt poetisch, während die Konkurrenz den Tag strukturiert.
Franz Schuh, FORTUNA - Aus dem Magazin des Glücks

Vermutlich kann man aus der Einsamkeit keinen Vorteil ziehen.
Jean-Paul Sartre, Der Ekel

Bei allen Begierden muß man sich fragen: Was geschieht, wenn mein Begehren befriedigt ist, und was, wenn es nicht befriedigt wird?
Epikur, Aphorismen

Gerade weil man Liebe zuletzt nicht anders definieren kann denn als die höchste Form von Aufhebung aller Herrschaft, bleibt sie so fundamental an alles geknüpft, was in ihrem Umkreis Herrschaft ist und heißt. Die Herrschaft des Geschlechts im Patriarchat, der Klasse in der ständischen Gesellschaft, des akkumulierten Geldes im kapitalistischen, des Verwaltungsapparats im sozialistischen Staat und alle ihre vielfachen Interferenzen und Überlagerungen, sie geben im Augenblick der Liebe einen Ort frei, wo alle Macht aufgehoben ist, wo alles schwebt und ruht – wie im Auge des Orkans.
Peter von Matt, Liebesverrat

Unserer Meinung nach ist es zwar analytisch, aber - um Hans Castorps Redewendung zu wiederholen - »im höchsten Grade linkisch« und geradezu lebensunfreundlich, in Dingen der Liebe zwischen Frommem und Leidenschaftlichem »reinlich« zu unterscheiden. Was heißt da reinlich! Was schwankender Sinn und Zweideutigkeit! Wir machen uns unverhohlen lustig darüber. Ist es nicht groß und gut, daß die Sprache nur ein Wort hat für alles, vom Frommsten bis zum Fleischlich-Begierigsten, was man darunter verstehen kann? Das ist vollkommene Eindeutigkeit in der Zweideutigkeit, denn Liebe kann nicht unkörperlich sein in der äußersten Frömmigkeit und nicht unfromm in der äußersten Fleischlichkeit, sie ist immer sie selbst, als verschlagene Lebensfreundlichkeit wie als höchste Passion, sie ist die Sympathie mit dem Organischen, das rührend wollüstige Umfangen des zur Verwesung Bestimmten, - Charitas ist gewiß noch in der bewunderungsvollsten oder wütendsten Leidenschaft.
Thomas Mann, Der Zauberberg