Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden, sich zu äußern.
Rosa Luxemburg, Breslauer Gefängnismanuskripte zur Russischen Revolution

Wir fordern eine Freiheit, die auf Kosten anderer geht, und sind nicht bereit, um eines anderen willen zurückzustecken, da wir hierin eine Beeinträchtigung unserer persönlichen Rechte und Freiheiten sehen. Uns alle charakterisiert heute ein geradezu unglaublicher Egoismus. Doch nicht etwa hierin liegt die Freiheit. Sie bedeutet vielmehr, daß wir endlich lernen müssen, nichts vom Leben oder unseren Mitmenschen, sondern nur von uns selbst etwas zu fordern.
Andrej Tarkowskij, Die versiegelte Zeit. Gedanken zur Kunst, zur Ästhetik und Poetik des Films

In einem alten Witz aus der untergegangenen DDR wird einem Mann Arbeit in Sibirien zugewiesen. Da er weiß, dass jeder Brief durch die Zensur muss, sagt er seinem Freund: »Wir vereinbaren einen Kode: Bekommst du von mir einen Brief in blauer Tinte, so ist er wahr; schreibe ich aber mit roter Tinte, ist er erlogen.« Einen Monat später erreicht der erste Brief den Freund, in blauer Tinte: »Alles hier ist wunderbar: Die Läden sind gefüllt, Essen gibt es im Überfluss, die Wohnungen sind geräumig und gut geheizt, in den Kinos zeigt man Filme aus dem Westen, eine Menge hübscher Mädchen wartet auf eine Affäre - das Einzige, was man nicht kriegen kann, ist rote Tinte.«
Und ist es nicht heute noch genauso? Wir haben alle erdenklichen Freiheiten, die man sich nur wünschen kann – das Einzige, was fehlt, ist »rote Tinte«: Wir »fühlen uns frei«, weil uns allein schon die Sprache fehlt, unsere Unfreiheit auszudrücken. Das Fehlen der roten Tinte bedeutet heute, dass alle zentralen Begriffe, mit denen wir den gegenwärtigen Konflikt bezeichnen – »Krieg gegen den Terror«, »Demokratie und Freiheit«, »Menschenrechte« und so fort – irreführende Begriffe sind, die unsere Wahrnehmung der Situation mystifizieren, statt uns zu erlauben, sie zu durchdenken. Unsere Aufgabe besteht heute darin, den Protestierenden rote Tinte zu geben.
Slavoj Žižek, Treffen sich zwei Hegelianer ...

Der französische Philosoph und Marxist Louis Althusser hat vielleicht als Erster gezeigt, dass man die Phantasie nicht einfach als subjektive Fehlleistung oder Täuschung verstehen kann, nicht einfach als Weigerung, die Dinge in ihrem Sosein anzuerkennen. Für Althusser ist Phantasie vielmehr etwas Objektives. Sie finde sich weniger in unseren Überzeugungen als in unseren sozialen Praktiken. Im Sinne (der marxschen Analyse) des Warenfetischismus ist es deshalb egal, ob wir wissen, dass Geld nur eine Abstraktion sozialer Beziehungen und kein unmittelbarer Ausdruck von Reichtum ist. Entscheidend ist nur, dass wir in unserem Verhalten immer noch so tun, als wäre Letzteres zutreffend. Dies ist die radikale Bedeutung von Marxens Analyse der Warenform: „dass Dinge (Waren) an unserer Stelle glauben“. Es ist auch die Schlussfolgerung, die sich aus Zizeks Einführung des lacanschen Begriffs des gespaltenen Subjekts in Althussers Theorie der Anrufung ziehen lässt. Wir sehen nämlich, dass Ideologie unbewusst funktioniert, was nicht heißt, die Subjekte wüssten nichts von ihr - sie wissen sehr wohl -, die Form ihres eigenen Verhaltens aber können sie nicht kontrollieren. Sie sind nicht etwa deshalb „dezentriert“, weil sie irgendeinen Aspekt ihres Verhaltens falsch wahrnehmen oder falsch einschätzen würden, sondern weil sie von Anfang an nur durch Vermittlung eines anderen (der Anderen, wie er sich nicht nur im Fetisch, sondern auch in sozialen Bräuchen verkörpert) handeln oder glauben können.
Rex Butler, Slavoj Žižek zur Einführung

Merleau-Ponty zufolge können wir die menschliche Wahrnehmung nur dann nachvollziehen, wenn wir uns von der klassischen Psychologie verabschieden, die von einem abgekapselten und starren, von seinem Körper und von der Welt isolierten Ich ausgeht. In Wirklichkeit gelangen wir aus dem Mutterleib durch den Geburtskanal in eine Welt, in die wir gleichfalls völlig eintauchen. Dieses Eingetauchtsein dauert an, solange wir leben – auch dann, wenn wir uns von Zeit zu Zeit aus der Welt zurückziehen, um nachzudenken oder zu träumen. Anders als für Sartre in Das Sein und das Nichts ist für Merleau-Ponty das Bewusstsein kein vom Sein radikal getrenntes «Nichts», ja nicht einmal eine «Lichtung» wie für Heidegger. Merleau-Pontys Metapher für das Bewusstsein ist die «Falte»: eine «Falte, die sich im Sein gebildet hat und auch wieder verschwinden kann». Wie bei einem Stück Stoff, den man einschlägt, um eine kleine Vertiefung oder Höhlung zu schaffen; die Falte bleibt erhalten, bis man den Stoff wieder glattstreicht. Diese Vorstellung des bewussten Ichs als provisorische Höhlung im Stoff der Welt hat etwas Verführerisches, ja Erotisches: Es gibt ein Refugium, einen Ort, an den ich mich zurückziehen kann, aber ich bin zugleich Teil des Gewebes der Welt, und solange ich hier bin, bin ich aus diesem Stoff geformt.
Sarah Bakewell, Das Café der Existenzialisten