Die Schwierigkeit ist heute nicht mehr, dass wir unsere Meinung nicht frei äußern können, sondern Freiräume der Einsamkeit und des Schweigens zu schaffen, in denen wir etwas zu sagen finden. Repressive Kräfte hindern uns nicht mehr an der Meinungsäußerung. Im Gegenteil, sie zwingen uns sogar dazu. Welche Befreiung ist es, einmal nichts sagen zu müssen und schweigen zu können, denn nur dann haben wir die Möglichkeit, etwas zunehmend Seltenes zu schaffen: Etwas, das es tatsächlich wert ist, gesagt zu werden.
Gilles Deleuze, Mediators, zitiert in: Michael Hardt und Antonio Negri, Demokratie! Wofür wir kämpfen

Die aufgrund der Epidemie erforderlichen Massnahmen sollten nicht automatisch auf das übliche Paradigma von Überwachung und Kontrolle reduziert werden, das früher von Denkern wie Michel Foucault oder heute von Giorgio Agamben propagiert wird. ...
Doch rechte und linke Konstruktivisten weigern sich, die tatsächliche Realität der Epidemie zu akzeptieren. Das ist Ideologie in ihrer reinsten Form. ... Eine solche Einstellung verfehlt jedoch die paradoxe Situation: Die heutige Form von Solidarität besteht gerade darin, sich nicht die Hand zu geben und sich auch abzusondern, wenn es erforderlich ist.

Slavoj Žižek, Der Mensch wird nicht mehr derselbe gewesen sein: Das ist die Lektion, die das Coronavirus für uns bereithält. NZZ 13. März 2020

Die Epoche, die nun zu Ende gegangen ist, hatte an die Stelle des politischen Ideals das individuelle Glück gesetzt; sie hatte die Idee der Freiheit auf den Umkreis eines individuellen Lebens beschränkt, der mit ihrer höchsten Entfaltung verwechselt wurde. All dies muß sich von nun an ändern, wobei wir uns jedoch daran erinnern sollten, daß die Eroberung des Weltraums nicht dadurch gelang, daß man die Gesetze der Schwerkraft leugnete. Das gilt für die Physik wie für die Politik.
Antoine Garapon, Ein Ausnahmemoment, Lettre International 129

Ich glaube nicht an Aussagen wie „nichts wird jemals wieder so sein wie zuvor“. … Wir werden nach der Konfination nicht in einer neuen Welt aufwachen; es wird alles das gleiche sein, nur noch etwas schlimmer.
Michel Houellebecq, Brief an Augustin Trapenard, Mai 2020

Die traurige Wissenschaft, aus der ich meinem Freunde einiges darbiete, bezieht sich auf einen Bereich, der für undenkliche Zeiten als der eigentliche der Philosophie galt, seit deren Verwandlung in Methode aber der intellektuellen Nichtachtung, der sententiösen Willkür und am Ende der Vergessenheit verfiel: die Lehre vom richtigen Leben. Was einmal den Philosophen Leben hieß, ist zur Sphäre des Privaten und dann bloß noch des Konsums geworden, die als Anhang des materiellen Produktionsprozesses, ohne Autonomie und ohne eigene Substanz, mitgeschleift wird. Wer die Wahrheit übers unmittelbare Leben erfahren will, muß dessen entfremdeter Gestalt nachforschen, den objektiven Mächten, die die individuelle Existenz bis ins Verborgenste bestimmen. Redet man unmittelbar vom Unmittelbaren, so verhält man kaum sich anders als jene Romanschreiber, die ihre Marionetten wie mit billigem Schmuck mit den Imitationen der Leidenschaft von ehedem behängen, und Personen, die nichts mehr sind als Bestandstücke der Maschinerie, handeln lassen, als ob sie überhaupt noch als Subjekte handeln könnten, und als ob von ihrem Handeln etwas abhinge. Der Blick aufs Leben ist übergegangen in die Ideologie, die darüber betrügt, daß es keines mehr gibt.
Theodor W. Adorno, Minima Moralia - Reflexionen aus dem beschädigten Leben (1951)

So wenig wie das, was ein „gutes Leben“ ist, kann auch die Lehre davon vorab definiert werden, weil ein solcher Versuch normativ würde und vorschreiben müsste, wo er doch – wie die gute analytische Deutung auch – nur anregen kann. Wir brauchen keine Norm und keine Standards psychischer Gesundheit.
Michael Buchholz, Psychoanalyse als "weltliche Seelsorge" (Freud): Themenschwerpunkt: Lebenskunst. Journal für Psychologie 11 (2003)

Die sogenannte seelische Störung ist immer mehr als bloße Störung, nämlich Teil eines (unbewussten) seelischen Sinnzusammenhangs, genauer: Ausdruck einer individuellen Problematik und zugleich der individuellen Antwort auf sie. Der Mensch ist keine störungsanfällige, intelligente Maschine.
Karl Jaspers, Allgemeine Psychopathologie

... streng genommen ist die Frage nicht, wie man geheilt werden kann, sondern wie man leben soll.
Joseph Conrad, Lord Jim