Religionen und Ideologien, die das Loch des Seins mit Sinn stopfen, werden wohl immer wieder triumphieren. Darin liegen ihre Stärke und ihre Macht, was umgekehrt bedeutet, dass alles, was die Löcher des Seins mit Sinn zu stopfen vermag, Religion werden kann. Der Fortschritt der Geistigkeit, oder wie Freud es sich erhoffte, die »Stimme des Intellekts« wird diesen Wunsch nach dem Göttlichen zwar nicht überwinden können, gewiss aber mäßigen.
Michael Schmid, Das Paradox des sozialen Bandes. Psychoanalytische Perspektiven

Das Problem des Glaubens ist kein intellektuelles, sondern ein moralisches: Nicht mangelhafte Denkbarkeit der Idee wirft das Problem der Glaubwürdigkeit auf, sondern die gering anmutende Eignung des Ideals zur Identifizierung mit ihm.
Robert Pfaller, Die Illusionen der anderen. Über das Lustprinzip in der Kultur

Schon Aristoteles unterscheidet die Wirkursache von der Zweckursache, die causa efficiens von der causa finalis, jene ist der Grund, aus dem, diese der Zweck, zu dem etwas geschieht. Die Wissenschaft der Neuzeit eliminiert nach und nach die Zweckursachen aus unseren Erklärungsmodellen: In einer gottlosen Welt passieren die Dinge aus Gründen, aber nicht zu Zwecken. Beim Erzählen jedoch bleiben Zwecke unverzichtbar, und der Erzähler spielt, ob er das will oder nicht, in seinem eigenen beschränkten Kosmos Gott. In der Realität walten die Gesetze der Physik, in der Erzählung aber die Zwecke der Dramaturgie.
Daniel Kehlmann, Kommt, Geister. Frankfurter Vorlesungen

Jeder prüfe seine Gedanken. Er wird finden, daß sie ganz mit der Vergangenheit oder der Zukunft beschäftigt sind. Wir denken fast überhaupt nicht an die Gegenwart, und wenn wir an sie denken, so nur, um aus ihr die Einsicht zu gewinnen, mit der wir über die Zukunft verfügen wollen. Die Gegenwart ist niemals unser Ziel.
Die Vergangenheit und die Gegenwart sind unsere Mittel; allein die Zukunft ist unser Ziel. Deshalb leben wir nie, sondern hoffen auf das Leben, und da wir uns ständig bereit halten, glücklich zu werden, ist es unausbleiblich, daß wir es niemals sind.
Blaise Pascal, Gedanken

Es gibt nur einen angeborenen Irrtum und es ist der, daß wir da sind, um glücklich zu sein. Angeboren ist er uns, weil er mit unserm Dasein selbst zusammenfällt und unser ganzes Wesen eben nur seine Paraphrase, ja unser Leib sein Monogramm ist: sind wir doch eben nur Wille zum Leben; die sukzessive Befriedigung alles unsers Wollens aber ist, was man durch den Begriff des Glückes denkt.
Arthur Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung

Wir haben eben gar kein Organ für das Erkennen, für die »Wahrheit«: wir »wissen« (oder glauben oder bilden uns ein) gerade so viel, als es im Interesse der Menschen-Herde, der Gattung, nützlich sein mag: und selbst, was hier »Nützlichkeit« genannt wird, ist zuletzt auch nur ein Glaube, eine Einbildung und vielleicht gerade jene verhängnisvollste Dummheit, an der wir einst zugrunde gehn.
Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft

Wahrheit ist hier nicht „gefunden“, denn diese Metaphorik unterstellt, dass Wahrheit, weil irgendwo schon „da“ auch „gesucht“ werden könnte. Sie ist vielmehr interaktiv erfunden, sie ist immer idiosynkratisch, also individualisiert und intim an die Person gebunden, deshalb auch nicht übertragbar und nur mit großen Schwierigkeiten und Verletzungsrisiken formulierbar. Aber sie kann gelebt werden.
Michael Buchholz, Psychoanalyse als "weltliche Seelsorge" (Freud): Themenschwerpunkt: Lebenskunst. Journal für Psychologie 11 (2003)