Bis heute beansprucht das Narrativ der Psychoanalyse erstens eine Wissenschaft zu sein und zweitens darin eine Struktur aufdecken zu können, die sowohl für die Konstituierung des Subjekts als auch der Gesellschaft determinierend ist – trotz starker Konkurrenz durch die Kognitions- und Neurowissenschaften, dem Bedeutungsverlust ihrer Praxis durch den Aufstieg der Pharmaindustrie und neuer Medikamente. Sogar ein selbstverschuldetes Versagen kann ins Treffen geführt werden, das darin liegt, keine angemessene Antwort auf die Veränderungen in der Gesellschaft und ihrer Pathologien zu haben, die von einer Pflicht zum Verzicht zu einer Pflicht zum Genuss übergangen zu sein scheint.
Michael Schmid, Das Paradox des sozialen Bandes. Psychoanalytische Perspektiven

Die Psychoanalyse ist sozial empfindlicher als viele andere Wissenschaften, vergleichbar etwa der Geschichtsforschung, die bekanntlich in Diktaturen jeder Art verkommt und zum Absterben verurteilt ist. Damit in Zusammenhang steht ein zweiter Faktor, den ich den ideologischen oder weltanschaulichen nenne. Eine Weltanschauung vertritt die Psychoanalyse zwar nicht, sie beruht aber auf einer solchen. Sie ist einem radikalen Humanismus verpflichtet. Die Praxis und die psychoanalytische Forschung werden beeinträchtigt und verzerrt, sobald der Geist der Aufklärung einem obskurantistischen, chauvinistischen oder sonstwie reaktionären Klima weicht und damit ein liberales Menschenbild untergeht. Da die herrschende Ideologie immer bald jene der Herrschenden ist, tritt diese Beeinträchtigung schon vor jedem polizeilichen Eingriff ein. ...
Psychoanalyse ist ohne den Angriff auf die herrschenden Verhältnisse nicht möglich, die Gesellschaftskritik ist ihr inhärent. ...
Alle, die in der Psychoanalyse eine kritische Humanwissenschaft sehen, treten gegen mächtige Herrschaftsstrukturen an. Ihr Ziel ist es nicht, den Analysanden zu weiterer Anpassung zu verhelfen.

Paul Parin, Die Beschädigung der Psychoanalyse in der angelsächsischen Emigration und ihre Rückkehr nach Europa. PSYCHE 3/1990

Sigmund Freud hat eine Umwälzung in der Kultur des Nachdenkens über uns selbst angestoßen, deren radikale Konsequenzen freilich auch heute noch selten mehr als in schattenhaften Umrissen begriffen werden. Es liegt schon an der inneren Logik dieser Denkanstöße, dass wir sie nur mit großer Mühe aufnehmen können und dabei von häufigen Missverständnissen behindert werden, die aus unseren inneren Widerständen herrühren; schließlich bildet ja gerade das Thema dieser Widerstände das Herzstück dieser Denkanstöße selbst.
Josef Berghold, Suchbewegungen zu den unbewussten Wurzeln der Schwäche unserer politischen Vorstellungskraft. WERKBLATT Nr. 73

Ohne hier auf die Diskussion um den »common ground« der Psychoanalyse einzugehen, möchte ich, gleichsam unterhalb dieser offiziellen Diskursebene, einige sozialisationstheoretische Annahmen formulieren, die meines Erachtens die analytische Tätigkeit allgemein begründen:
1. Der gattungsgeschichtliche Übergang von Natur zu Kultur konstituiert sich im Aufbau einer sinnstrukturierten sozialen Welt, einer symbolischen Ordnung und der damit verbundenen Sprachentwicklung. Diese sinnstrukturierte soziale Welt ist der historischen Veränderung – entsprechend den gesellschaftlichen Verhältnissen und dem kulturellen Entwicklungsstand – unterworfen.
2. Sozialisation bedeutet, daß jedes Kind – vorwiegend in der Beziehung zu seinen primären Bezugspersonen – in diese sinnstrukturierte Welt eingeführt wird und eine Kompetenz erwirbt, sich in ihr zu orientieren und zu verhalten.
3. Hinsichtlich der frühesten und prägendsten Erfahrungen dieser Sozialisation besteht ab einem bestimmten Lebensalter eine Amnesie. Ohne besondere Verfahren bleiben diese Erfahrungen für die Erinnerung unzugänglich, sie hinterlassen aber gleichwohl in der psychischen Struktur des Individuums ihren Niederschlag und bestimmen in hohem Maße sein Erleben und Verhalten.
4. Psychische Störungen sind, soweit sie Gegenstand des psychoanalytischen Verfahrens werden können, in der Regel auf Störungen dieses Sozialisationsprozesses zurückzuführen. Sie sind insoweit sein Ergebnis. Im Falle schwerwiegender Traumatisierung im späteren Lebensalter bei zuvor intakter psychischer Struktur resultiert psychische Störung aus der bleibenden Läsion des primären Sozialisationsergebnisses.
5. Im psychoanalytischen Verfahren wird die Aufhebung oder Milderung psychischer Störung soweit erreicht, wie die unbewußten Spuren bewußt gemacht werden können, welche die Kindheitsgeschichte oder eine spätere Traumatisierung in der psychischen Struktur des Individuums hinterlassen haben. Die sprachliche Aneignung und Sinn-Rekonstruktion gestörter Sozialisation wird ermöglicht auf der Basis eines Erfahrungs- und Einsichtsprozesses, der in Inhalt, Intensität und Reichweite dem ursprünglichen Sozialisationsprozeß ähnelt. Dies ist die Bedingung der Möglichkeit, auf psychische Struktur verändernd einzuwirken.
Thomas Pollak, Über die berufliche Identität des Psychoanalytikers. Versuch einer professionstheoretischen Perspektive. PSYCHE 12/1999

Vor etwa zweihundert Jahren faßte in der Vorstellungswelt Europas der Gedanke Fuß, daß die Wahrheit gemacht, nicht gefunden wird. Die Französische Revolution hatte gezeigt, daß sich das ganze Vokabular sozialer Beziehungen und das ganze Spektrum sozialer Institutionen beinahe über Nacht auswechseln ließ. Dieser Präzedenzfall bewirkte, daß utopische politische Vorstellungen bei den Intellektuellen von der Ausnahme zur Regel wurden. Diese Ausprägung politischen Denkens schiebt die Fragen nach dem göttlichen Willen und dem menschlichen Wesen beiseite und träumt von der Erschaffung einer neuen Spielart des Menschseins.
Richard Rorty, Kontingenz, Ironie und Solidarität