Der folgende Satz aus Sartres Saint Genet war entscheidend für mich: »Es kommt nicht darauf an, was man aus uns gemacht hat, sondern darauf, was wir aus dem machen, was man aus uns gemacht hat.« Er wurde zu einem Prinzip meines Lebens. Zur Maxime einer Askese, einer Arbeit am Selbst.
Didier Eribon, Rückkehr nach Reims

Eine psychoanalytische Kur nach lacanianischem Vorbild sollte einen Prozess radikaler Externalisierung beinhalten. Ziel ist es, den Analysanden davon zu überzeugen, dass er für die Situationen, in denen er sich befindet, ausschließlich selbst verantwortlich ist; dass ihn seine Handlungen, nicht die ihnen zugrunde liegenden Motive, definieren; dass es keinen Wesenskern seines Daseins gibt, der anderen unzugänglich wäre. Lacan bezeichnet diese Idee gegen Ende seiner Lehre als Identifikation mit dem Symptom.
Rex Butler, Slavoj Žižek zur Einführung

Wir nennen etwas »Phantasievorstellung« statt »Dichtung« oder »Philosophie«, wenn es um Metaphern kreist, die bei anderen Leuten nicht auf fruchtbaren Boden fallen, also Weisen des Sprechens oder Handelns, für die wir anderen keine Verwendung haben. Freud zeigt uns aber, wie etwas, das der Gesellschaft sinnlos, lächerlich oder abscheulich vorkommt, doch von entscheidender Bedeutung sein kann für das Selbstverständnis einer Einzelperson, vielleicht ihre Weise ist, zu verstehen, woher die zufallsblinde Prägung stammt, die sich in allem zeigt, was sie tut. Umgekehrt sprechen wir von Genie statt von Exzentrizität oder Perversität, wenn eine private Zwangsvorstellung eine Metapher hervorbringt, für die wir Verwendung haben. Der Unterschied zwischen Genie und Phantasie ist nicht der Unterschied zwischen Prägungen, die eine Verbindung zu etwas Universellem, einer vorgängigen Realität dort draußen in der Welt oder tief im Inneren des Selbst herstellen, und anderen, denen das nicht gelingt. Es ist vielmehr der Unterschied zwischen Idiosynkrasien, die zufällig bei anderen Menschen auf fruchtbaren Boden fallen - zufällig wegen der Kontingenzen einer historischen Situation, eines besonderen Bedürfnisses, das eine bestimmte Gemeinschaft zufällig zu einer bestimmten Zeit hat -, und anderen, die das nicht tun.
Kurz: Fortschritt in der Dichtung, Kunst, Philosophie, Wissenschaft oder Politik ergibt sich aus der zufälligen Koinzidenz einer privaten Zwangsvorstellung und eines weitverbreiteten Bedürfnisses. Starke Dichtung, die Moral des gesunden Menschenverstandes, revolutionäre Moral, normale Wissenschaft, revolutionäre Wissenschaft und Phantasie, die nur einer einzigen Person verständlich ist, sie alle sind in Freuds Sicht nur verschiedene Weisen, mit zufallsblinden Prägungen umzugehen - oder genauer, Weisen, mit verschiedenen zufallsblinden Prägungen umzugehen; diese Prägungen können Unikate sein, nur bei einem Individuum auftreten, oder allen Mitgliedern einer bestimmten, historisch bedingten Gemeinschaft eigen sein. Keine dieser Umgangsweisen hat deshalb ein Privileg vor anderen, weil sie die menschliche Natur besser zum Ausdruck brächte. Keine ist menschlicher oder weniger menschlich als eine andere, sowenig, wie die Feder in genauerem Sinne ein Werkzeug ist als das Schlachtermesser oder die Orchideenkreuzung weniger eine Blume als die wilde Rose.
Richard Rorty, Kontingenz, Ironie und Solidarität

Das Freudsche Unbewußte hat nicht durch die Behauptung, das rationale Selbst sei dem viel größeren Bereich der irrationalen blinden Instinkte untergeordnet, einen solchen Skandal verursacht, sondern weil es deutlich gemacht hat, wie das Unbewußte selbst seiner eigenen Grammatik und Logik folgt: Das Unbewußte spricht und denkt. Das Unbewußte ist nicht das Reservat wilder Triebe, die vom Ich gezähmt werden müssen, sondern der Ort, an dem sich eine traumatische Wahr­heit äußert. Darin besteht Lacans Version von Freuds Motto »Wo Es war, soll Ich werden«: nicht »das Ich soll das Es besiegen«, den Ort der unbewußten Triebe einnehmen, sondern »Ich muß es wagen, mich dem Ort meiner Wahrheit zu nähern«. Was mich »dort« erwartet, ist keine tiefe Wahrheit, mit der ich mich identifizieren muß, sondern eine unerträgliche Wahrheit, mit der zu leben ich lernen muß.
Slavoj Žižek, Lacan Eine Einführung

Die Schwierigkeit ist heute, dass Psychoanalyse bedeutet, mit Patienten umgehen zu können, für die es keineswegs selbstverständlich ist, Einsichten zu folgen. Sie wissen alsbald, welches Tun oder Unterlassen angebrachter wäre – aber sie fragen sich und ihren Therapeuten oft, warum sie sich eigentlich so verhalten sollten, warum sie Verzicht auf gewisse prägenitale oder narzisstische „Vergnügungen“ leisten sollten? Das Einsichtsmodell setzte auf die Fähigkeit zum Verzicht und unterstellte eine allgemein geteilte Vorstellung von menschlicher Reifung, die anzustreben als sinnvoll betrachtet wurde. Eines von Freuds Lieblingszitaten war der Satz von Theodor Vischer, das Moralische verstehe sich von selbst. Das wird heute nicht mehr ohne weiteres von allen unterschrieben; heute gilt eher, der eigene Nutzen oder Vorteil verstehe sich von selbst.
Michael Buchholz, Psychoanalyse als "weltliche Seelsorge" (Freud): Themenschwerpunkt: Lebenskunst. Journal für Psychologie 11 (2003)